biographie

Pietro Conti (*22. März 1972 in Palermo, Italien) ist ein zeitgenössischer Maler und Bildhauer, er lebt und arbeitet seit über 20 Jahren in Düsseldorf.

Werk 

Er fertigt seine überwiegend großformatigen Ölgemälde (bis zu 3m x 6m) in Serien. Dabei folgt er einem – für Ihn essenziellen – 3-Regelprinzip: Material-, Farb-, und Kompositionsgerechtigkeit. 

Die Grundidee seiner Bilder- und Objektserien basiert auf dem Thema Zeit.

In der künstlerischen Gedankenwelt von Pietro Conti befindet sich die Zeit auf einer Art Bühne und regiert diese –  wie ein König – oder vielleicht wie ein Narr, ohne ersichtliche Regeln.

Sein Versuch der Manifestation dieser Grundidee in einer bildlichen Darstellung wird stark von der eigenen Macht der Malerei beeinflusst. 

Beim Entstehungsprozess kollidieren dann diese zwei Komponenten – nämlich die, der eigenen 3-Regelprinzipien des Künstlers und die , der Macht der Malerei als solche.

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Interview 2024

Pietro Conti: “Kunst ist oft eine unglaublich brutale Angelegenheit.“

Pietro Conti ist ein italienischer Maler und Bildhauer, der in Düsseldorf lebt und arbeitet. Die ersten Werke malte er in seiner Heimatstadt Palermo, die er im Alter von 29 Jahren verließ, um in Deutschland zu studieren. Von 2004 bis 2006 experimentierte er mit verschiedenen Maltechniken und fand seinen Stil in der abstrakten Darstellung. Düsseldorf ist wegen der Kunstakademie eine von Künstlern übervölkerte Stadt und es ist nicht einfach, sich hier als Künstler zu etablieren. Dennoch hat Pietro Conti sein eigenes Reich geschaffen und malt seitdem wie besessen. Seine Werke sind oft riesig, manchmal 2 bis 3 Meter hoch. Nach einer eher düsteren Phase vor 10 Jahren bevorzugt er heute Planetenlandschaften, Himmel, die an italienische Deckengemälde erinnern, und rätselhafte Symbole. Weitere Leidenschaften des Künstlers sind Literatur und Psychologie. Entsprechend tragen seine Werke Titel wie, divisione del tempo, il suono del tempo oder manifesto del tempo.

Herr Conti, was ist für Sie im Leben wichtig?

Meine künstlerische Entwicklung als Maler in Bezug auf Bildsprache und Komposition.

Was ist die Rolle oder Aufgabe eines Künstlers?

Eine ständige Hingabe und eine große Verantwortung gegenüber der Kunst und die entsprechende Auseinandersetzung mit sich selbst als Maler und als Mensch. Kunst ist oft eine unglaublich brutale Angelegenheit.

Was denken Sie, wenn Sie malen?

Es ist sehr schwierig, eine fundierte Antwort zu geben, aber ich versuche es. Natürlich entspricht der Ausdruck meiner Werke meiner Philosophie des Kunstverständnisses und der Verwirklichung, aber wenn ich male, ist das sogenannte Ich als Pietro ausgeschaltet. Das Werk übernimmt die Kontrolle über das Geschehen. Meine Handlung verliert ihre Position als solche. Gleichzeitig relativieren sich die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten. In diesem Moment habe ich kaum noch eine Entscheidungsgewalt.  Man muss es erleben, um es zu verstehen. Gerhard Richter hat einmal in einem Interview folgendes gesagt: Es ist eine intime Angelegenheit. Manchmal gibt es eine Art Kampf zwischen mir und dem Werk, den ich nicht verstehen kann. Das Interessante daran ist, dass das Werk am Ende genau meiner Idee entspricht, die ich vorher nicht einordnen konnte.

„Ich bin einfach meinem malerischen Instinkt gefolgt.“

Ich erinnere mich an eine Ihrer ersten Ausstellungen. Damals malten Sie noch in sehr düsteren Farben und Kompositionen und fast ausschließlich abstrakt. Wie kommt es, dass Sie Ihren Stil so stark verändert haben?

Ich kann es nicht wirklich erklären. Ich bin einfach meinem malerischen Instinkt gefolgt, wobei die intensive Auseinandersetzung mit der Moderne sicher eine große Rolle gespielt hat.

Sie beschreiben Ihren Arbeitsprozess als akademisch. Können Sie mir sagen, was das konkret bedeutet?

Ich glaube, dass man als Maler eine fundierte Kenntnis der Bildsprache haben muss, um gute Kunstwerke zu schaffen. Obwohl ich mehrfach von den verschiedenen deutschen Kunstakademien abgelehnt wurde, habe ich dies durch das Studium der zeitgenössischen Kunst ausgeglichen. Wie Friedrich Nietzsche sagte: Man muss sehen lernen. In der Kunst ist es meiner Meinung nach genauso. Ich habe das Sehen gelernt und natürlich auch das Umsetzen in die Praxis. Ich bin oft zu den Vorlesungen an der Düsseldorfer Kunstakademie gegangen, um zu lernen, wie das Ganze funktioniert. Parallel dazu habe ich verschiedene Künstler studiert. Wie Francis Bacon, Gerhard Richter, Jonas Burgert, Adrian Ghenie und die Künstler der Leipziger Schule, Arno Rink und Neo Rauch. Das ist absolut wesentlich und grundlegend für den kreativen Prozess.

„Das Universum hat wahrscheinlich dafür gesorgt, dass ich nach Deutschland kam. Ich musste meine Komfortzone verlassen, damit ich mich vielleicht entwickeln konnte.“

Ich bin sehr beeindruckt von Ihrer Bibliothek. Was sind Ihre Lieblingsbücher?

Vielen Dank für das Kompliment. Abgesehen von den verschiedenen Büchern über internationale Maler habe ich nicht wirklich einen Favoriten. Ich mag das Buch „Scent of Time“ von Byung-Chul Han oder das Buch von Yuval Noah Harari „21 Lessons for the 21st Century“.

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Serie: Faltung: Pietro Conti und die Kunst der Faltung

Die Kunst von Pietro Conti ist eine Auseinandersetzung mit der Zeit, der Form und der Struktur des Seins. Besonders in seiner Werkreihe Faltung zeigt sich sein einzigartiger Ansatz, die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur aufzulösen. Diese Serie ist nicht nur eine künstlerische Technik, sondern auch eine Metapher für das Leben selbst – ein Prozess des Formens, Zerreißens und Neuordnens.

Die Technik der Faltung

Contis Faltung basiert auf einer experimentellen Arbeitsweise: Er faltet, knickt und drückt die Leinwand, um ihre Oberflächenstruktur zu verändern. Die entstehenden Brüche und Schattenwürfe verleihen seinen Bildern eine dreidimensionale Tiefe. Öl auf Leinwand wird hier nicht nur als Medium genutzt, sondern als plastisches Element behandelt. Die Leinwand selbst ist nicht mehr nur Träger der Farbe – sie wird Teil der Komposition.

Diese Arbeitsweise stellt die klassische Malerei infrage. Während die traditionelle Leinwand als statisches Objekt gilt, das einen festen Inhalt transportiert, ist Contis Ansatz dynamisch. Die Faltung verändert die Perspektive des Betrachters, bricht mit gewohnten Sehgewohnheiten und schafft eine neue Wahrnehmungsebene.

Zerstörung und Schöpfung

Ein zentrales Thema dieser Serie ist das Spannungsverhältnis zwischen Zerstörung und Schöpfung. Durch das bewusste Falten und Brechen entsteht eine neue Form – etwas, das vorher nicht existierte. Diese Dualität zieht sich durch Contis gesamtes Werk: Die Faltung ist eine gewaltsame Geste, aber gleichzeitig auch ein schöpferischer Akt.

In Arbeiten wie Faltung Nr. 45 oder Faltung Nr. 11 erkennt man deutlich, wie sich diese Philosophie in die Bildsprache übersetzt. Die Leinwand wirkt zerrissen, beschädigt – und doch besitzt sie eine neue Ordnung, eine neue Ästhetik.

Die Metapher der Faltung

Contis Faltung kann auch als gesellschaftliche Metapher verstanden werden. Der Mensch wird gefaltet, geformt, in Strukturen gepresst. So will es das System, das uns faltet. Doch in jeder Faltung steckt auch eine Möglichkeit der Neuordnung, des Widerstands und der Schöpfung.

Pietro Contis Werk zeigt uns, dass Kunst mehr sein kann als reine Ästhetik – sie ist eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen unserer Existenz. Die Faltung ist ein Symbol für das Zerbrechliche und das Widerstandsfähige zugleich.

Serie: Ultimo Atto

In der Serie „Ultimo Atto“ – zu Deutsch „Letzter Akt“ – wird eine bemalte Leinwand, die zuvor als autonomes Gemälde existierte, eingerollt, gemeinsam mit deren Keilrahmen in eine Plexiglasbox gelegt und anschließend mit Bitumen aufgegossen.

Zentral für das Verständnis dieser Arbeit ist die räumliche Geste des Anlehnens: Das eingerollte Gemälde ruht in einem Winkel von etwa fünfzehn Grad an der transparenten Wand der Box. Diese subtile Neigung kann als Metapher für Erschöpfung gelesen werden – als Sinnbild einer gesellschaftlichen Müdigkeit, die sich im Material und in der Haltung des Werkes manifestiert.

Das Gemälde wird so zu einer verkörperten Figur, einer Subjektivierung des Bildes, das sich anlehnt, als wolle es sagen: „Ich bin müde“ – müde der permanenten Selbstbefragung, müde der endlosen Reflexion über Kunst und ihre Formen. In dieser Geste offenbart sich eine kritische Distanz zur künstlerischen Produktion selbst, ein Moment des Innehaltens, das zugleich Reflexion und Transformation bedeutet.

„Ultimo Atto“ markiert damit eine Übergangszone zwischen Bild und Objekt, zwischen der Fläche der Malerei und der Dauerhaftigkeit des Materials. Das Einrollen der Leinwand, ihr Einschluss in Plexiglas, das Anlehnen und das Eingiessen in Bitumen sind rituelle Handlungen der Konservierung und des Abschieds – ein symbolischer letzter Akt, in dem das Bild nicht endet, sondern in eine andere, körperhafte Existenzform übergeht.